Interview mit Regisseur Jonas Rothlaender

War für dich von Beginn an klar, dass du einen so persönlichen Film machen würdest?
Mir war es von Anfang an extrem wichtig, einen persönlichen, aber keinen privaten Film zu machen. Da der Film aber auch meine persönliche Reise beschreibt, bestand eine der größten Herausforderungen für uns darin, beim Schnitt dafür die richtige Balance zu finden. Ein entscheidender Motor war immer der Wunsch, „zu verstehen“ und niemanden zu verurteilen. Für mich sind seit jeher die Filme und Geschichten am wertvollsten und intensivsten, die es schaffen, in der genauen Betrachtung eines Mikrokosmos’, etwas Universelles zu erzählen, und dadurch eine große Allgemeingültigkeit besitzen. Es war und ist immer mein Ziel gewesen, aus einer persönlichen Geschichte einen Moment gesellschaftlicher Relevanz herauszufiltern.

Wie kam es dazu, dass du diesen Film machen wolltest?
Es begann alles mit dem Fund der Unterlagen meiner Großmutter. In dem Zusammenhang brach für mich eine Art Identitätskrise aus. Was ich dort über meine Familie erfuhr, erschütterte meine eigene Identität zutiefst. Am Anfang wollte ich auch lediglich einen Film über das Verhältnis meiner Großeltern machen, bzw. ein Portrait meines Großvaters. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass das ein Film über mehrere Generationen meiner Familie wird, und auch mich mit einbezieht.

Was hast du herausgefunden? Wie kam es dazu, dass die ganze Familie Thema wurde?
Je mehr ich mich mit meinen Großeltern und dann auch meiner Mutter beschäftigte, umso mehr wurde mir bewusst, dass dort im Prinzip die gleichen Konflikte vorherrschten wie bei meinen Geschwistern und mir. Die Familie als Institution birgt ja neben so positiven Werten wie Rückhalt und Geborgenheit eben auch das unauflösbare Schicksal, dass wir mit ihr verbunden sind – ob wir wollen oder nicht. Wir werden sie nicht los, selbst wenn wir alle Brücken hinter uns einreißen.
Diese Frage ob es ein Entkommen aus diesem Teufelskreis gibt, oder ob diese Konflikte innerhalb einer Familie vererbt werden und wir dazu verdammt sind die immer gleichen Fehler zu wiederholen, hat mich nicht mehr losgelassen.

Was ist der Kern dieser Konflikte in deiner Familie?
Ich glaube das ist vor allem der Punkt, dass die Eltern eine emotionale Not oder einen Mangel spüren und diesen dann auf ihre Kinder abwälzen. Die Kinder werden mit Bedürfnissen ihrer Eltern konfrontiert denen sie überhaupt nicht gewachsen sind, denen sie aber trotzdem versuchen nachzukommen. Das ist ja quasi etwas animalisch-instinkthaftes: Du bist als Kind ja auf deine Eltern angewiesen um zu überleben. Und um zu überleben wirst du als Kind dann alles tun um deinen Eltern dieses Bedürfnis zu erfüllen.
Zudem ist mir während der Entstehung des Films auch bewusst geworden wie sehr in meiner Familie Gefühle unterdrückt und auch rationalisiert werden. Da gibt es eine starke Kontrolle von Emotionen, die meiner Meinung nach aber auch ein speziell deutsches Thema sind.

Das heißt, dass deine Familie stellvertretend für alle deutschen Familien steht?
Ich tue mich ein bisschen schwer damit das zu pauschalisieren, aber für mich war das während der Arbeit eine sehr wichtige und zentrale Erkenntnis: Zu verstehen, dass selbst meine Generation noch von den Auswirkungen der Weltkriege und vor allem des 2. Weltkrieges beeinträchtigt wird. Mein Großvater ist ein sehr gutes Beispiel dafür: Das Trauma was er seit dem Krieg mit sich trägt. Das Unvermögen darüber zu sprechen und am besten alle Gefühle von sich abzutrennen, um zu funktionieren um sich sein Leben in der BRD wieder aufzubauen. Diese Gefühllosigkeit die er im Film zeigt ist ja in gewisser Weise antrainiert. Und durch dieses Unvermögen Gefühle auszudrücken - er tut das ja letztlich nur über Geld - entstand in dieser, wie sicher auch in vielen anderen Familien, eine Art Gefühlsvakuum. Das meine Großmutter und meine Mutter dann versucht haben anders zu füllen.

Was ist denn deiner Meinung nach der Stand der deutschen Familien was diesen Konflikt angeht? Kann deine Generation diesen Konflikt lösen? Glaubst du, dass du ihn gelöst hast?
Ich habe mal gelesen, dass es eine bestimmte Anzahl von Generationen braucht um das Trauma eines Krieges wirklich hinter sich zu lassen. Und ich glaube auch, dass jede Generation anders damit umgeht. Meine Mutter hatte ja auch schon den Wunsch mit ihrer Familie alles anders zu machen. Es ist ja nicht so, dass sie sich der Probleme nicht bewusst war. Sie hat dann aber letztlich doch bestimmte Muster wiederholt. Wahrscheinlich wird auch meine Generation noch ein paar dieser Muster wiederholen. Die Frage die mich da fasziniert hat ist vor allem: Gibt es einen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Wie hat deine Mutter auf den Film reagiert?
Meine Mutter hat sehr dankbar auf den Film reagiert. Ich glaube für sie war es auch eine Erleichterung, dass wir über diese schwelenden Konflikte sprechen konnten. Und ich bin wiederum meiner Mutter unglaublich dankbar dafür, dass sie diese Auseinandersetzung zugelassen hat. Das ist alles andere als selbstverständlich und ich bewundere auch ihren Mut dazu.

Hat sich etwas an dem Verhältnis deiner Mutter und dir verändert?
Ich glaube das wichtigste ist, dass es nach dem Gespräch mit meiner Mutter die Möglichkeit für mich gab nach vorne zu schauen. Und nicht mehr zurück. Dadurch, dass ich die Sachen ausgesprochen und ihr gegenüber in Worte gefasst habe stehen sie nicht mehr zwischen uns. Somit kann die Vergangenheit ruhen und wir können in der Gegenwart in einen viel offeneren Kontakt treten.

Warum ist Familie wichtig? Gibt es für dich ein Konzept von Familie?
Das spannende an Familie ist für mich immer schon gewesen, dass es in gewisser Weise der Mikrokosmos unserer Gesellschaft ist. Wie unsere Familie uns prägt hat einen entscheidenden Einfluss darauf wie wir uns auch in einem größeren Kontext verhalten. Daher finde ich es extrem wichtig sich mit Familie auseinanderzusetzen. Jede Familie ist in gewisser Weise der Kern unserer Gesellschaft.

Aber hat sich das Konzept von Familie in den letzten Jahren nicht stark verändert? Was für ein Effekt hat das auf Familie?
Das stimmt sicherlich, aber deswegen wird die Familie als Institution nicht unwichtiger. Nur vielfältiger. Ich persönlich halte auch nichts von den alten patriarchischen Familienstrukturen, aber die entscheidende Frage ist für mich immer: Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit Konflikten um? Was für Werte geben wir unseren Kindern mit? Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die vielen Scheidungskinder: Denn nicht der Fakt der Scheidung lässt seelische Verletzungen bei Kindern zurück, sondern wie die Eltern damit umgehen. Da entstehen dann nämlich auch wieder Teufelskreise...

 

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